Selbst für den Bergbauern zu steil

Ein Golf-Resort der Sonderklasse: Das plant der ägyptische Milliardär Samih Sawiris in Andermatt. Dass die Bergbauern mehr aufgeben als einfach ihr Land, zeigt die Lizentiatsarbeit der Berner Soziologin Valeria Kunz, welche nun als Buch erschienen ist.

Von Bettina Jakob 17. November 2008

Den ersten Abstecher in die Berge des Urnerlandes machte Valeria Kunz an einem späten Sonntagabend. Völlig ungeplant. Die ehemalige Berner Studentin lauschte am Schweizerradio dem urchigen Innerschweizerdialekt – «und fühlte sich betroffen»: Die Sendung drehte sich um das berühmt-berüchtigte Luxus-Ferienresort, das der ägyptische Tourismus-Investor Samih Sawiris in Andermatt plant: 1 Golfplatz, 600 Hotelzimmer, 220 Hotelwohnungen, 40 Ferienhäuser, 710 Ferienwohnungen – Kostenvoranschlag: über eine Milliarde Franken, Baubeginn: Frühjahr 2009. Als Win-Win-Geschäft gepriesen, soll das Riesenprojekt dem ehemaligen Kur- und Handelsort und einstiger «Militärfestung» den Wiederaufschwung bringen; seit der Eröffnung des Gotthardtunnels, spätestens aber mit der Armeereform ist das Urnerdorf immer mehr in Vergessenheit geraten. Doch Valeria Kunz hörte an diesem Abend die kritischen Stimmen, die jener Bergbauern nämlich, die für das Grossprojekt ihr Land hergeben müssen. Damit stand Kunzes Lizentiatsthema am Soziologischen Institut der Uni Bern fest. Aus ihren persönlichen Gesprächen ging hervor, dass für die Andermatter Bauern viel mehr auf dem Spiel stand als das Land. «Nämlich Identität.»

Blick ins Andermatter Tal
In die grüne Ebene von Andermatt kommt ein Golfplatz stehen. Bild: Zvg

Mehr als ein Job

«Bergbauer ist nicht irgendein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung», sagt Kunz. Interviews mit sechs ansässigen Bauernfamilien machten deutlich, dass sich diese stark mit ihrer Tätigkeit identifizieren. Die Autorin führt das auf die enge Verflechtung von Arbeit, Freizeit, Familie und auf die Verbundenheit zur Natur und den Tieren zurück. Sie hat bei ihren Besuchen der Betroffenen gemerkt, dass der Verlust des Landes jemandem im wahrsten Sinne des Wortes die Lebensgrundlage nehmen kann.

Tony und Emil – zwei verschiedene Bauern

So erging es Bauer Tony, wie Valeria Kunz einen ihrer Protagonisten nennt. Tony ist vor langer Zeit für die Verwirklichung seiner Träume – ein Heimetli in den Bergen – nach Andermatt gezogen. Doch plötzlich stand sein Hof mitten im Feld, wo Sawiris sein 18- Loch-Green plant. Einiges an Land wäre Tony geblieben, doch inmitten von fliegenden Golfbällen und unter den Augen reicher Touristen wollte er seine Kühe nicht weiden lassen – er zog mit seiner Familie weg in den französischsprachigen Jura. Auf der anderen Seite steht Emil, jener Andermatter Bauer, der Sawiris gleich von sich aus sein Land angeboten hatte, wie die Berner Soziologin erzählt. Emil will sich gerne an die neuen Lebensumstände anpassen, ja sogar im Tourismus mitmischen und ist bereit, das Bauern aufzugeben. Er könne ja trotzdem noch ab und zu mit ein paar Tieren auf die Alp, meinte er zu Kunz.

Das Allgemeine im Einzelnen enthalten

Tony warf das Handtuch, Emil will auf den neuen Zug aufspringen: In ihrem Buch beleuchtet die Soziologin damit die beiden extremsten Fälle. Der von ihr verwendete objektiv-hermeneutische Ansatz geht davon aus, dass im Einzelnen auch immer das Allgemeine zum Ausdruck kommt. «Die Darstellung der Extreme hilft die verschiedenen Reaktionen der Bauern auf dasselbe Entscheidungsproblem besser zu verstehen», fasst Kunz zusammen. Neben Tony und Emil mussten 16 weitere Bauern und ihre Familien Land verkaufen. Insgesamt vier gaben auf, die anderen wollen weitermachen: «Irgendwie – auch wenn mit dem Restland ihre Existenz nicht mehr in jedem Fall gesichert ist», so Kunz.

In Andermatt geht vor sich, was überall passiert: «Es gibt praktisch keine neuen gesellschaftlichen Entwürfe, die nicht auch Verlierer hervorbringen, welche ihre bisherigen Wertvorstellungen oder Identitätsgrundlagen beerdigen müssen.» Durch Tony und Emil erhalten auch sie eine Stimme.